Auch in Hürth gibt es Armut

Am 3.3.17 hat der Paritätische Wohlfahrtsverband Deutschland seinen Armutsbericht vorgestellt. Danach ist die Armutsquote in Deutschland erneut gestiegen, wie sie es seit 10 Jahren tut. Inzwischen leben 15,7% der Deutschen unterhalb der Armutsschwelle, als arm gilt, wer wengier als 60% des mittleren Einkommens zur Verfügung hat.

Das bedeutet  für eine allein stehende Person ein Einkommen von 979 EUR monatlich (11.749 EUR im Jahr). Für zwei Erwachsene mit zwei Kindern unter 14 Jahren liegt der Schwellenwert bei 2.056 EUR im Monat (24.673 EUR im Jahr) (Stand: 2015). Hierbei werden staatliche Leistungen mit einbezogen.

Auch die Bundesregierung hat ihren Armuts- und Reichtumsbericht gerade veröffentlicht. (5. ARB) .

Was können wir in Hürth beobachten?

Die systematische Datenerfassung ist leider schwierig.  Nicht alle wünschenswerten Zahlen konnte ich für den gewünschten Stichtag ermitteln.  Unterschiedliche Institutionen (z.B: Jobcenter, Stadtverwaltung, Bundesamt für Statistik) erfassen die Daten in unterschiedlicher Form  (Zeitpunkte, Altersgruppen etc, Bezugsgrößen). Auch können Prognosen durch Zu- und Wegzug verfälscht werden. Trotzdem kann man einiges für Hürth erkennen  und daraus Handlungsbedarf ableiten.

Ein wichtiges Merkmal ist der Anteil der Bezieher von Leistungen nach SGB II in der Gesamtbevölkerung.

Quellen Bundesamt für Statistik und Sozialraumbeschreibung Hürth 2015

Danach ist es in Hürth etwas besser als im Bundesdurchschnitt.

Kinderarmut

Hierbei trifft es am häufigsten alleinerziehende Eltern, in Hürth sind es ungefähr ein Fünftel der Eltern.

Zur Verbesserung der Verständlichkeit haben wir die Altersgruppen in der Breite nach der Anzahl der Jahrgänge dargestellt. Man sieht, dass in den nächsten Jahren zunächst die Jahrgangsstärken zurückgehen und nach einigen Jahren wieder ansteigen.

Der niedrigere Anteil an SGB II Personen in der Altersgruppe bis 20 Jahre lässt vermuten, das ein erheblicher Anteil der jungen Menschen über 18 eine auskömmliche Arbeit findet.

Die Anzahl der jungen Menschen in SGB II ist leicht rückläufig. Ein Teil des Effekts liegt vermutlich in den schwächeren  nachwachsenden Jahrgängen, ein anderer Teil in einer leicht verbesserten Konjunktur.

Altersarmut

Doch nicht alle Zahlen lassen auf Besserung hoffen.

Hier ist die Dunkelziffer hoch, jährlich werden in Hürth etwa 10 Fälle bekannt, die mit der Beantragung der Grundsicherungsleistung gezögert haben, obwohl sie bereits längere Zeit vorher hilfebedürftig und anspruchsberechtigt gewesen wären.

Der Anteil an Senioren mit Grundsicherungsleistungen wächst.  Die Ursachen dürften in der Rentensenkungspolitik der vergangenen Jahre liegen und im Trend zu prekären Arbeitsverhältnissen. Ersparnisse in den Lohnnebenkosten rächen sich später in höheren Grundsicherungskosten. Das Rententhema ist ein Bundesthema, das im kommenden Bundestagswahlkampf eine große Rolle spielen wird.

Prekäre Arbeitsverhältnisse können hier in Hürth auch heute schon durch eine verantwortungsbewusste, weitsichtige Politik vermieden werden.

Wohnen

Ein weiterer Indikator für einen bedenklichen Trend ist die Obdachlosigkeit.

Auch in Hürth gibt es das Problem der Obdachlosigkeit, zwar unterhält die Stadt Hürth vier Gebäude für die Unterbringung von Obdachlosen, die aktuell mit 91 Personen belegt sind (Mitteilung der Verwaltung im BSI v. 23.11.16),. Die Zahl Obdachlosen mag man als klein ansehen. Sie ist aber aber Zeichen für eine immer schwieriger werdende Situation auf dem  Wohnungsmarkt in Hürth. Die Mietpreise steigen für alle, auch für Bezieher kleinerer Einkommen, z.B. junge Beamtenfamilien.

Hier kann und muss die Stadt eine bessere Politik verfolgen, indem sie für mehr bezahlbaren Wohnraum sorgt. Viertel wie Efferen-West (  auch „Klein-Marienburg“ genannt) helfen da wenig.

Es gibt auch Hilfen

von der Stadt

Nun ist Hürth aber nicht ohne Unterstützungssysteme, die versuchen, Armut zu mildern. Es gibt die Möglichkeit, über den Hürth-Pass Vergünstigungen bei der Nutzung von Schwimmbad, Stadtbücherei und Musikschule zu erhalten. Aktuell gibt es in Hürth 497 Hürth-Pass-Inhaber. (Regelsatz für Alleinstehende nach SGB II 409 Euro im Monat).

von Ehrenamtlern

Hürth-Pass-Inhaber haben auch das Recht, Lebensmittel von der Tafel zu beziehen, die sich in der Kölnstr. 14  befindet.

Für 8 Euro im Monat haben Bedürftige das Recht, bis zu zwölfmal Lebensmittel zu erhalten.Die Tafel gibt montags, mittwochs und freitags Lebensmittel aus, die zur Unterstützung des Lebensunterhaltes dienen sollen. Im Januar 2017 wurden von der Tafel 307 Familien mit 819 Personen versorgt, davon ungefähr 300 Kinder.

Außerdem leistet das Klamottenlädchen des ZMO an der Luxemburgerstr. 337 Hilfe, wenn Bekleidung oder Hausrat benötigt werden.

Öffnungszeiten:

Mo, Mi, Fr 10-13 Uhr

Di, Do 16-18 Uhr

Seit Juli 2016 gibt es das Gewandhaus in der Friedrich-Ebert-Str. 11 im ehemaligen Kreishaus, zu erreichen über den Parkplatz des Altenheims St. Ursula.

Auch hier liegt der Schwerpunkt auf Bekleidung, es gibt aber auch Hausrat, Handtücher und Bettwäsche. Die Bekleidung ist nach Größen geordnet und getrennt nach Erwachsenen und Kindern . Alle, die entweder einen Wohnberechtigungsschein, Hürth-Pass oder einen Nachweis des Jobcenters vorlegen, können sich für wenig Geld einkleiden. Das Gewandhaus so wie die anderen sozialen Einrichtungen werden durch Spenden versorgt und suchen ehrenamtliche Mitarbeiter.

Hier sind die Öffnungszeiten:

Mo         10-14 Uhr

Di, Do  16-20 Uhr (feiertags geschlossen)

Was nötig ist!

So hilfreich diese ehrenamtliche Unterstützung ist, die verbilligten Zugang zu Kleidung, Hausrat, Lebensmitteln oder städtischen Einrichtungen schafft, kann sie doch nicht die Hilfe des Staates ersetzen. Hier braucht es Information der Betroffenen, passgenaue Angebote und besondere Berücksichtigung der Bedürfnisse der Kinder. Besonders beunruhigend ist die Entwicklung, die die Zahlen der Bedürftigen ansteigen läßt, wobei es wohl eine nicht zu vernachlässigende Dunkelziffer gibt. Hier muss mehr soziale Gerechtigkeit hergestellt werden, es ist nicht hilfreich, wenn das Problem kleingeredet oder gar ignoriert wird  (siehe Blogbeitrag vom 25.9.16) . Es gilt, sich dieser Entwicklung entgegenzustemmen.

Vieles muss in Berlin erledigt werden  (z.B. Rentenpolitik).

Was kann man noch in Hürth tun?

  • Bestandsaufnahme aktueller Sozialraumdaten,
    um besser eingreifen zu können
  • eine Wohnraumpolitik auch für kleinere Einkommen
  • Ausbau der Schuldnerberatung, um auch präventiv tätig sein zu können.

 

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